Das Sterben des Einzelhandels macht Platz für die Realität

Selbst die kleinen Läden verkaufen Einheitsware

Im Windschatten dieses Gefechts haben in der letzten Zeit immer mehr Läden eröffnet, die sich selbst als Liebhaberprojekt bezeichnen. Es gibt Geschäfte, die verkaufen nur Lakritz, andere nur Selbstgestricktes vom Chiemsee oder, gerade besonders beliebt: Design aus Skandinavien. Decken mit geometrischen Mustern, Windlichter aus eierschaldünnem Porzellan und schlank geschnittene Möbel. So geschmackvoll ich das gern in Cremeweiß gehaltenen Räumen arrangierte Angebot finde, spätestens beim dritten Laden fällt mir auf, dass ich fast exakt das gleiche Sortiment schon mal gesehen habe, in Berlin, in Stuttgart, in Rom, in Tallinn, in Rotterdam.

Auch die kleinen Läden haben sich längst globalisiert. Ihr Angebot mag auf den ersten Blick individuell wirken, aber das ist es nicht. Man google nur mal eine angesagte Seife aus Brooklyn und schaue, wie viele angesagte Läden auf der ganzen Welt diese in ihrem ausgesuchten Angebot haben. Und überhaupt: Wie viele handgewebte Geschirrtücher kann der normale Großstadtmensch gebrauchen?

 © shutterstock.com

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Auch die kleinen Läden werden das Sterben des Einzelhandels in unseren Städten nicht aufhalten. Es reicht nicht mehr, Ware in einem Geschäft feilzubieten. Egal wie künstlerisch wertvoll die drapiert ist und egal wie ausgefallen sie sein mag. Im Internet findet man immer noch mehr Auswahl und vermutlich auch zu einem besseren Preis. Gleichzeitig dürfte die Schnitzeljagd mit den Paketen und Paketscheinen bald ein Ende nehmen, wenn erst einmal die Zukunft des Zustellservices beginnt: fahrende Paketroboter, die freundlich, ohne Murren und ständig Vorfahrt gewährend die Lieferung nach Hause bringen, wo sie am Abend der Besitzer einfach aus der intelligenten Paketstation nimmt.

Der deutsche Einzelhandel verschläft womöglich gerade seine Zukunft – zum Schaden von Kunden und Mitarbeitern. Immer mehr Beobachter warnen, dass der Online-Handel Deutschlands Innenstädte, die Einkaufsgewohnheiten der Verbraucher und die Jobs von Millionen Angestellten in bisher ungekanntem Tempo verändern wird.
„Der E-Commerce wird nicht alle Standorte ausradieren, aber an vielen Stellen kommt es zu einem Teufelskreis“, sagt Sirko Siemssen, Handelsexperte der Beratungsfirma Oliver Wyman.
„Erst gehen einige Händler weg, dann geht es mit dem Standort bergab, und am Schluss ist er tot.“ Wyman sagt in einem Bericht, der der „Welt am Sonntag“ vorliegt, „tektonische Verschiebungen“ in der Branche voraus.
Das klingt fast niedlich, angesichts dessen, was damit gemeint ist: Bis 2020 droht  jedem zehnten Geschäft die Schließung. Das sind 45 000 Läden in Deutschland.

Schon jetzt zeigt jeder Spaziergang durch die Stadt, was für ein heftiger Kampf dort gerade ausgefochten wird. In den Zentren überwiegen die großen Ketten, was den Bummel so langweilig macht wie das Sortiment im Supermarkt. Ein Buchladen in meiner Stadt hat sich den Frust über die Onlinekonkurrenz sogar auf die Fensterscheibe geschrieben: "Wer bei Amazon kauft, unterstützt die Ausbeutung der Mitarbeiter und sorgt langfristig für tote Innenstädte!" Doch welcher Kunde lässt sich schon gern beschimpfen, bevor er an der Kasse zahlt?

Und die Innenstädte?
Hätten endlich die Chance, etwas anderes zu sein als immer noch eine weitere austauschbare Fußgängerzone, ein Riesenareal mit Shoppingmall oder Einkaufsarkaden.
Es gäbe genug Alternativen zu der Shoppingödnis, die unsere Städte momentan narkotisiert. Vielleicht bietet das Sterben des Einzelhandels endlich die Möglichkeit, der wirklichen Welt in unseren Zentren Platz zu verschaffen. Das Einkaufen darf dann ruhig im virtuellen Raum stattfinden.